Heilig-Jahr-Kreuz (Gruiten)


 

Das Heilig-Jahr-Kreuz in Gruiten-Dorf

Standort: Am Kirchberg, in unmittelbarer Nähe zur Kirche St. Nikolaus

 

Im Zuge der aufwendigen Renovierung des Heilig-Jahr-Kreuzes in Gruiten-Dorf im Sommer 2015 wurde am Fuße dieses Kreuzes eine Tafel aufgestellt mit folgendem Text:

 

Willst du finden Gottes Spur,

Christ, schau in die Natur.

Willst noch deutlicher sie seh’n,

bleib bei Kreuz und Kirche stehn.

 

Errichtet im Heiligen Jahr 1933.

 

Insbesondere die Datierung „Errichtet im Heiligen Jahr 1933“ hat anschließend für Irritation gesorgt. Das Wissen über die von der katholischen Kirche weltweit ausgerufenen ordentlichen und außerordentlichen „Heiligen Jahre“ kann nicht bei jedem Besucher vorausgesetzt werden. Im öffentlichen Bewusstsein steht die Jahreszahl 1933 - nicht nur in Deutschland - in erster Linie für die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.

Aufgrund der Irritationen, die die unkommentierte Datierung auf der Texttafel ausgelöst hat, hat der Kirchenvorstand nachträglich auf Antrag beschlossen, die Tafel mit einer Erläuterung über das Heilige Jahr 1933 zu versehen.

 

Sowohl in der katholischen Kirche in Rom als auch in Gruiten hat die Zeit des Nationalsozialismus ihre Spuren hinterlassen. Im Zusammenhang damit gibt es viel Wissenswertes zu entdecken.

 

Lohnende Ansatzpunkte für eine Recherche sind z.B.:

  • Papst Pius XI. (1922-1939), der das „1. außerordentliche Heilige Jahr der Erlösung 1933“ ausgerufen hat, und die Begründung dafür
  • das Verhältnis dieses Papstes zu dem faschistischen Machthaber Benito Mussolini und die „Lateranverträge“ zur Lösung der „Römischen Frage“ von 1929
  • der Überfall auf den Pfarrer Paul Meyer in Gruiten im Jahr 1933
  • die erst nach einer Visitation, d.h. mit zeitlicher Verzögerung, vorgenommene Eintragung der Errichtung des Heilig-Jahr-Kreuzes in der St. Nikolaus-Chronik 1. Sie lässt Spekulationen zu über einen Zusammenhang zwischen dem Attentat auf Pfarrer Meyer und der Errichtung dieses Kreuzes.
  • das Reichskonkordat zwischen dem NS-Regime und dem Hl. Stuhl von 1933

 

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse meiner persönlichen Recherche

 

1. Außerordentliche „Heilige Jahre“, d.h. solche, die nicht einem 25-Jahres-Rhythmus folgen, hat es verschiedentlich gegeben, und es gibt sie immer noch.

So fällt z.B. ins Jahr 2015 der Beginn eines „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus ausgerufen hat zur Erinnerung an das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) vor 50 Jahren. Es soll u.a. erinnern an die mit dem II. Vaticanum verbundenen Impulse für Liturgie-Reformen innerhalb der katholischen Kirche, für den Ökumenismus, für das Verhältnis zu nicht-katholischen und nicht-christlichen Religionen und die Öffnung zur Welt (Stichwort: „aggiornamento“, dt. Erneuerung).

Dieses außerordentliche Heilige Jahr 2015 beginnt mit der Öffnung der Hl. Pforte des Petersdoms am 8. Dezember, dem Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens, und endet am Christkönigssonntag 2016 (20. November).

Traditionelle Elemente eines Heiligen Jahres sind

  • eine Rom-Wallfahrt mit dem Besuch bestimmter Kirchen und anderer Stätten wie den Katakomben
  • der Pilgergang durch die Hl. Pforte
  • bestimmte Jubiläumsablässe

2. Das „Heilige Jahr 1933“ geht zurück auf Papst Pius XI. (1922-1939), von dessen „Anbiederung“ an den faschistischen Machthaber Benito Mussolini die Kirche durchaus profitierte. (Bei Interesse findet man Genaueres z.B. im Zusammenhang mit den Lateranverträgen von 1929, die zur Gründung des Vatikanstaates führten.)

Als konkreten Anlass für dieses „1. Heilige Jahr der Erlösung“ gab Pius XI. das Leiden Jesu und seine Auferstehung im Jahre 33 an, die sich 1900 Jahre zuvor ereignet hätten. - Ob Papst Pius XI. damals schon klar gewesen sein muss, dass diese Datierung auf das Jahr 33 n.Chr. falsch ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

3. Im Jahre 1933 überfielen Gruitener SA- und SS-Mitglieder den damaligen Pfarrer Paul Meyer, weil er nicht fürs Winterhilfswerk gespendet hatte, und schlugen ihn zusammen.

Eine von Lothar Weller 2012 angelegte Quellensammlung zum Heilig-Jahr-Kreuz enthält einen RP-Artikel von 1948 über das Verfahren gegen die Rädelsführer des Attentats auf Pfarrer Meyer. Darin steht u.a., dass die Polizei Pfarrer Meyer in Schutzhaft nahm, um ihn vor weiteren Angriffen zu schützen, und dass eine aufgebrachte Menge versuchte, die Abfahrt des Polizeifahrzeugs zu verhindern.

Aus weiteren Zeitungsartikeln dieser Sammlung geht hervor, dass Pfarrer Meyer, der mit eigenen Mitteln den Anbau des Pfarrheims in den 20er Jahren unterstützt hatte, nicht nach Gruiten zurückkehren konnte.

Über das weitere Leben von Pfarrer Meyer ist mir nichts bekannt.

 

4. In der St. Nikolaus-Chronik 1 findet sich der Hinweis auf eine Visitation am 4. Dezember 1933. Eine nachfolgende Eintragung auf derselben Seite nennt als Datum für die Errichtung eines Wegkreuzes zur Erinnerung an das Heilige Jahr 1933 den 22. November 1933 (Buß- und Bettag).

Die zeitliche Nähe zum Attentat auf Pfarrer Meyer am Abend des Erntedank-Festes sieben Wochen zuvor legt einen Zusammenhang damit nahe. Dafür sprechen aus Sicht von L. Weller sowohl die Positionierung des Kreuzes vor dem Haus des Pfarrers als auch die nachträgliche Eintragung in der Kirchen-Chronik.

Offenbar wollte man in gefährlichen Zeiten keine schlafenden Hunde wecken und hat deswegen die entsprechende Eintragung erst nach der Visitation im Dezember vorgenommen. Diesem Zweck könnte auch der Verweis auf das „Heilige Jahr 1933“ als „Deckmantel“ dienen.

 

5. Mit dem Reichskonkordat zwischen dem Dt. Reich und dem Hl. Stuhl vom 20. Juli 1933 erhielt die Katholische Kirche in Deutschland u.a. das Recht auf Erhebung von Kirchensteuern, zur Einrichtung von römisch-katholischen Fakultäten und Bekenntnisschulen. Außerdem wurde durch diesen Staatskirchenvertrag der Religionsunterricht ein sog. „ordentliches Lehrfach“, und das Beichtgeheimnis wurde geschützt.

Hitler erzielte mittels dieses Vertrages mehr als nur einen Prestigegewinn. Obwohl katholische Verbände und Tageszeitungen bereits durch das NS-Regime unter Druck gesetzt wurden, rückte der Vatikan von Kritikern aus dem politischen Katholizismus ab, und Priestern wurde jede politische Stellungnahme untersagt.

Die fortgesetzten Vertragsverletzungen seitens der NS-Kirchenpolitik kritisierte Papst Pius XI. erst 1937 mit seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“.

 

Romy Becker

16.11.2015